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Gedanken aus dem Pfarrbüro September-November 2021

4. September 2021

Liebe Leserin, lieber Leser,

das Thema «Gelassenheit» ist seit vielen Jahren sehr präsent. Es gibt eine Unmenge an Blogs, Youtube-Videos und Ratgebern mit Titeln wie «Mein Weg zur Achtsamkeit» oder «Meditiere dich glücklich». Ob wohl die Anzahl an Ratgebern exponentiell mit unserer schnelllebigen Welt wächst? Mir scheint, je mehr Stress uns nicht nur in unserem Arbeitsalltag begegnet, sondern auch in der manchmal ziemlich verplanten Freizeit, desto höher ist unser Wunsch nach mehr innerer Ruhe.

Uns begegnen immer wieder Situationen, die uns sehr herausfordern, ja manchmal sogar verzweifeln lassen – der Umgang mit dem Vorgesetzten fällt uns schwer, weil sie/er uns einfach nicht versteht; KollegInnen sind nicht kooperativ und wir finden keine gemeinsame Lösung; man fährt genervt von der Arbeit nach Hause, steht im Stau oder wird zum schleichenden Fahren hinter einem Landwirtschaftsfahrzeug gezwungen. In solchen Fällen wäre es schön, etwas gelassener zu sein.


Gerne würde ich euch eine Patentlösung präsentieren, die in jedem Fall zum Erfolg führt, aber ich muss euch enttäuschen – sie ist mir bisher noch nicht begegnet. Ich kann mich noch gut an meine eigene Konfirmation erinnern, bei der wir als Konfirmanden den ganzen Gottesdienst gemeinsam mit unserem Pfarrer vorbereitet und gestaltet haben. Dabei stand ein Gebet des amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr (1892-
1971) im thematischen Zentrum. Es hing in all den Untijahren immer an der Wand und viele von uns konnten es wohl bis zum Ende auswendig:

Gott gebe mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit,
das eine vom anderen zu unterscheiden.

Ursprünglich begann das Gebet mit der zweiten Bitte, derjenigen um den Mut, Dinge zu ändern, die wir auch ändern können. Unsere Mitmenschen zu ändern ist nicht möglich, das muss jede/r selbst tun. Dafür umso mehr unsere Haltung zu anderen Menschen oder Situationen, oder auch unsere Art zu kommunizieren. Das ist in keinster Weise einfach und erfordert durchaus Mut. Manche Dinge hingegen können wir nicht mehr ändern. Wenn mit dem Alter langsam die Kräfte schwinden und wir nicht mehr alles machen können, was wir eigentlich möchten, kann das schwer rückgängig gemacht werden. Der Prozess kann vielleicht mit Krafttraining etwas verlangsamt werden aber aufzuhalten ist er nicht.
Aber auch ein in Wut oder Enttäuschung herausgeschleudertes Wort kann nicht zurück genommen werden, die Verletzung kann nicht rückgängig gemacht werden.

Die Kunst besteht in der Erkenntnis des Machbaren, in der Weisheit der Unterscheidung. Was kann ich ändern und vor allem: wozu habe ich die Kraft? Was muss ich in Gelassenheit annehmen, auch wenn es mir vielleicht etwas zuwider ist?

Ich bin überzeugt, dass dies im Reich Gottes genau so ist. Manchmal haben wir den Eindruck, wir stecken alle Energie in etwas hinein und es passiert doch nichts. Und manchmal spüren wir eigentlich, dass wir nun etwas Ruhe brauchen, wollen es uns aber nicht eingestehen. Hier die richtige Unterscheidung zu machen, kann helfen, Ruhe zu finden… und vielleicht sogar, gewisse Dinge etwas gelassener zu betrachten. 

Und so wünsche ich uns allen Mut, Gelassenheit und Weisheit in allem, was wir tun.

Herzliche Grüsse
Markus Allenbach